Kapitel 9

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„Als Unterwasserjäger hat sich im Rathaus jedenfalls niemand geoutet“ maulte Gert Retzlaff zu Beginn der Statusbesprechung, die Marianne Löble für 14:00 Uhr für das gesamte LKA-Team angesetzt hatte. Markus Scholl, der Teamchef der Spurensicherer, nahm die Vorlage von Retzlaff gern auf und meinte: „Der Parkplatz des Business Centers war zum Tatzeitpunkt ja auch nicht gerade eine Wasserlandschaft.“ Direkt verwertbare Spuren – Fehlanzeige, lautete sein Resümee. „Wir haben zwar eine Unzahl von Fahrzeugspuren, DNA-Spuren an Kaugummiresten und Zigarettenkippen zu Hauf“, setzte Scholl seinen Bericht fort. Sogar einige Kondome habe sich das Gebüsch am Parkplatzrand entreißen lassen, erklärte er. Nur eben verwertbar sei das alles nicht. Auch vom Gerichtsmediziner sei erst am nächsten Tag ein Bericht zu erwarten. Die Daten- und Faktenlage sei also ausgesprochen dürftig.

 

„Im digitalen Bereich sieht es da etwas besser aus“, versuchte IT-Auswerter Gernot Enderle etwas Optimismus zu verbreiten. Er berichtete von einer versclüsselten Partition auf der Festplatte des PC von Alexander Mitsch. Außerdem hatte Enderle in der Schreibtischschublade von Mitsch drei USB-Sticks mit einer Speicherkapazität von jeweils vier Gigabyte gefunden. Die Daten auf den Sticks waren ebenfalls verschlüsselt. „Wir sind da dran, ich denke, morgen haben wir den Klartext“, fasste er das Thema der verschlüsselten Daten abschließend zusammen. „Außerdem wurde der PC des Opfers überwacht“, ließ Enderle mit einem triumphierenden Blick anschließend seine kleine Bombe platzen.

 

Marianne Löble sog hörbar Luft durch die gespitzten Lippen ein. „Wer hat den denn ausspioniert“, wollte Kommissar Retzlaff wissen. „Das wissen wir noch nicht“, antwortete Enderle. „Unter Umständen hat Mitsch die Überwachungstools sogar selbst installiert, weil er wissen wollte, was mit seinem PC passiert, wenn er nicht am Schreibtisch ist“. – „Hatte Mitsch denn ausreichende IT-Kenntnisse“, fragte Marianne Löble. Retzlaff zuckte mit den Schultern: „keine Ahnung.“- „Doch, doch“, unterbrach ihn Enderle und erklärte: „Seine Sekretärin meinte sogar, er habe immer mal ganz gern den IT-Hausmeister der Abteilung gespielt, besonders bei den Sachbearbeiterinnen.“

 

Das hatte auch der IT-Leiter der Stadtverwaltung bestätigt. „Interessant ist dann noch, dass er seine sämtlichen Internet-Aktivitäten ziemlich gut verschleiert hat“, fügte Enderle an. „Auch seine Mail-Kontakte werden wir mit ziemlichem Aufwand rekonstruieren müssen“, resümierte der IT-Auswerter.

 

„Mit der Rathausspitze hat er in der letzten Zeit wohl öfter Streit gehabt“, steuerte Marianne Löble aus ihren Recherchen bei. „Worum ging es da“, hakte Retzlaff nach. „Viel hat der Seelit nicht erzählt“, berichtete Marianne Löble von ihrem Gespräch mit dem Bauhofleiter. „Nur dass Mitsch sowohl mit dem OB als auch mit dem Baubürgermeister des öfteren Stress hatte.“ – „Mmh“, machte Retzlaff, „und was sagen unsere leitenden Kommunal-Wahlbeamten dazu?“ – „Gar nichts“, entgegnete KHK Löble. „Wie, die schweigen sich aus“, wollte Retzlaff gerade sein allen Kollegen wohl bekanntes Kampfprogramm starten.  „Ne, komm mal wieder runter“, besänftigte ihn Löble. „Die beiden Spitzenbeamten vergnügen sich heute aushäusig. Deshalb habe ich die dazu noch nicht befragen können.“ – „Wo treiben die sich denn rum“, wollte Retzlaff wissen. „Besprechungstermin und Seminar“, erklärte Löble. „Aber mach mal keinen Stress, morgen ist auch noch ein Tag. Da werde ich den beiden einen Besuch im Rathaus abstatten und das Thema Stress mit Mitsch noch ein wenig extemporieren“. – „Du mit Deiner klassischen Bildung“, seufzte Retzlaff und wandte sich dann an Gernot Enderle: „Sag mal, Du Tastaturkünstler, hat sich der Stress mit den Rathausoberen irgendwie auf seinem PC niedergeschlagen, so in Memos, internen Briefen, Beschwerden. Gibt es da irgendwelches Material?“ – „Im unverschlüsselten Teil der Festplatte nicht“, meinte Gernot Enderle, „aber wir sind an den Dateien dran“.

 

Dann fasste er sich mit Zeigefinger und Mittelfinger mit einer etwas fahrigen Bewegung an die rechte Schläfe und rekapitulierte, etwas geistesabwesend: „Wir haben Reste von my art use gefunden, das könnte interessant sein.“ – „Der Herr IT-Experte sprechen in Rätseln“, frozzelte Retzlaff. „My art use ist die umgangssprachliche Umschreibung für RTUs, das sind Remote Terminal Units“, erklärte Gernot Enderle mit der für IT-Experten typischen Herablassung. Und genauso typisch blaffte Retzlaff zurück: „Könnten der Herr Computerexperte und Herrscher über alle Tastaturen diesseits des Ural das bitte in ein verständliches Deutsch übersetzen.“

 

Nun musste Marianne Löble einschreiten: „So weit ich weiß, läuft LKA-weit gerade kein Wettbewerb um das härteste Alphatier.“ Und mahnend fügte sie hinzu: „Also fahrt mal den Emotional-Quotienten runter und redet wieder normal und kollegial miteinander.“ „Ich wollt’s ja nur erklären“, rechtfertigte sich Gernot Enderle sofort. „Ja, dann mal zu“, forderte Marianne Löble mit betont freundlichem Timbre auf. „Also“, sagt Enderle gedehnt, „Remote Rerminal Units sind zuletzt beim Computervirus Stuxnet wirksam gewesen. Das war der in den iranischen Kernkraftwerken“. „Also“, setzte Retzlaff nach, „Mitsch war nun aber ziemlich deutsch, kein Iraner“. „Muss er auch nicht“, meinte Enderle. „RTUs sind ein beliebter Datenlink zum Ausspionieren von Cmputernetzen. Und so was haben wir eben auf dem Rechner von Mitsch ausgemacht“. – „Was heißt das nun konkret“, mischte sich Marianne Löble ein. „Das wissen wir noch nicht“ gestand Enderle ein. Sicher sei eben nur, dass diese Remote Terminal Units auf Mitschs Rechner installiert gewesen sei und dann über diese Schnittstellen oder Datenlinks Computernetzwerke überwacht und ausspioniert werden könnten und würden. Wer da wen ausspioniert hat, müsse die forensische Analyse erst noch ergeben. „Hier haben sogar die Experten der EU-Forensikgruppe aus Ispra eingeschaltet, die auch ganz eng mit Interpol in Lyon zusammenarbeiten“, berichtete Enderle. Auf jeden Fall, so schloss er seinen Bericht ab, sei ein sehr tiefes und detailreiches Wissen erforderlich um solche RTUs überhaupt installieren zu können.

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