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10

Mai

2013

Vom Bücherboykott zur Bücherverbrennung

Wie leicht diese Gesellschaft von einem Aufruf zum Boykott eines Buches zur Bücherverbrennung getrieben werden kann, zeigte sich im November 2006, als der Kriminalroman „Feuerreiter“ von Matthias Ulrich die Gemüter im Süfwesten Deutschlands bewegte.

 

„Derartige Bücher dürfen nicht öffentlich gewürdigt werden“, fordert die Remsecker Stadträtin Jasmine Finckh. Auf Druck des Bürgervereins ließ der Remsecker Bürgermeister Karl-Heinz Balzer prompt eine geplante Lesung in der Stadtbücherei absagen. Weil sich der Romanautor von der ehemaligen amerikanischen Militärsiedlung Pattonville für seinen Krimi inspirieren ließ, meint der Vorstand des Bürgervereins, das Buch sei eine Rufschädigung und müsse boykottiert werden.

 

Der Schriftstellerverband Baden-Württemberg und der Kreisverband Ludwigsburg des Deutschen Journalistenverbandes kritisierten dieses Vorgehen des Bürgervereins gegen das Buch „Feuerreiter“. Die Folgen: Anonyme Anrufe, Beschimpfungen und Drohungen gegen den damaligen DJV-Kreisvorsitzenden in Ludwigsburg. Einige Anrufer gaben sich als Bürgervereinsmitglieder zu erkennen, andere forderten zum Boykott und sogar zur Bücherverbrennung auf.

 

Deshalb habe ich noch einmal den Artikel "Bücherverbote gefährden die Meinungsfreiheit", erschienen im Blickpunkt 1/07 hier eingestellt.

 

 

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Bücherverbote gefährden die Pressefreiheit

 

Autorenlesung mit Krimi-Autor Matthias Ulrich in Pattonville

 

Ludwigsburg – Der Bürgersaal im Dienstleistungszentrum Pattonville war fast zu klein für die mehr als 100 Besucher, die gespannt der Geschichte von Schülerin Roberta lauschten, die in der ehemaligen Militärsiedlung Robinson brutal ermordert wurde. Matthias Ulrich tremolierte, klopfte nachdrücklich mit dem Bleistift auf den Tisch, grimassierte bei der Schilderung der Auseinandersetzung von Pfarrer und grüner Stadträtin. Die Zuschauer klatschten begeistert Beifall nach der Lesung und diskutierten engagiert über den Aufruf zum Boykott des Kriminalromans „Feuerreiter“ durch drei Vorständlerinnen des örtlichen Bürgervereins und die Ausladung des Autors, der eigentlich zum 50jährigen Bestehen der Bücherei in Remseck am 11. November aus seinem Buch mit Lokalkolorit lesen sollte.

 

Eben dieses Lokalkolorit hatte im August für Unmut bei der Remsecker Stadträtin Jasmine Finckh, der Vorsitzenden des Bürgerverein, Evelin Bleibler gesorgt. Zusammen mit der Bürgervereinsvorständlerin Petra Wehrle-Casares forderten sie den Remsecker Oberbürgermeister Karl-Heinz Schlumberger auf: „Sie sollten derartige Bücher nicht öffentlich würdigen.“ Der OB hatte nämlich Bundespräsident Horst Köhler anlässlich seines Besuchs in Pattonville neben einem Kochbuch und einem Ausstellungskatalog auch den „Feuerreiter“ geschenkt. Das sei Rufschädigung für den Ortsteil, urteilten die Damen vom Bürgerverein und verhinderten die für den 11. November 2006 geplante Jubiläumslesung durch Intervention bei der Verwaltung. OB Schlumberger versuchte umgehend eine Entschuldigung für sein Geschenk an den Bundespräsidenten und erklärte, er habe das Buch gar nicht gelesen.

 

Der Deutsche Journalistenverband im Kreis Ludwigsburg kritisierte den Aufruf zum Bücherboykott und die Absage zur Lesung. „Zuerst wird Schriftstellern die Freiheit fiktionalen Denkens verboten, danach Journalisten die Freiheit der Berichterstattung“, warnte der DJV per Pressemitteilung und lud für den 23. November zur Autorenlesung mit Autor Ulrich ein. Die Folge: Anonyme Anrufe beim Kreisvorsitzenden. Teilweise gaben sich die Anrufer als Mitglieder des Bürgervereins zu erkennen und forderten ein Ende dieser angeblichen Nestbeschmutzung durch den Roman, teilweise hielten sie eine Bücherverbrennung für eine gute Idee, „und den Autor und die Journalisten gleich mit“.

 

„Das sind alarmierende Signale“, urteilte der DJV-Kreisvorstand und ließ sich in der Folgezeit auch durch „nachdrückliche Empfehlung“ nicht davon abbringen, eine Lesung mit dem Feuerreiter-Autor zu veranstalten. Die persönlichen Einladungen an Bürgervereinsvorsitzende Evelin Bleiber und Grünen-Stadträtin Jasmine Finckh blieben unbeantwortet. Der Vorstand des Bürgervereins blieb der DJV-Veranstaltung fern. Und auch OB Schlumberger sagte am Abend vor der Veranstaltung per E-Mail ab. „Im Übrigen halte ich die ganze Angelegenheit für eine gewaltige Posse, an der ich mich nicht zu beteiligen gedenke“, teilte Schlumberger dem DJV mit.

 

Die über 100 Besucher der DJV-Lesung mit Matthias Ulrich waren enttäuscht, dass ihr OB die Brisanz des Themas so total verkannte. „Es darf in Deutschland einfach keine Einschränkung von Büchern geben, gerade bei unserer Geschichte“, forderte Christof Layher in der sich der Lesung anschließenden Diskussion. Und wie Besucher Seyfang sahen es viele Teilnehmer an der Diskussion: Die Meinungsfreiheit darf nicht eingeschränkt werden, und sei der Prozess noch so schleichend.

 

Aber es wurde nicht nur Wachsamkeit in Sachen Meinungsfreiheit von den Anwesenden gefordert. Kai Peter vom Bürgerverein fand, die Presse sei Schuld am Feuerreiter-Skandal. „Der Brief des Bürgervereinsvorstandes an den Oberbürgermeister hätte niemals einer Journalistin zugänglich gemacht werden dürfen.“ Und die hätte dann nicht darüber berichten dürfen. Die anwesenden Zeitungsleser und die ungefähr 30 Journalistenkollegen sehen das ganz anders. Und dafür wollen sie auch zukünftig nachdrücklich eintreten.

 

 

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Kommentare: 5
  • #1

    Harald (Freitag, 17 Mai 2013 20:33)

    Bei der letzten Kommunalwahl habe ich grün gewählt. Frau Finckh werde ich 2014 sicherlich nicht wählen, ihr Aufruf zum Bücherboykott hat mich entsetzt. 2009 wusste ich von den 2006-ereignissen nichts.

  • #2

    Gregg (Freitag, 23 August 2013 10:07)

    Ich bin via anmar talk von heute auf diese Seite gekommen und kein native speaker für das Deutsche. Aber ich lese viel und trotz dem großen Not hier bei uns in USA mit Controlle und Überwachung, bei euch in Deutschland ist es furchtbar viel schlimmer. Bei uns müssen wir die korrupten Senatoren und einen früher demokratischen Präsidenten im Auge behalten. Klar, dann habne wir noch so ein paar Security Offiocer mit Allmachtsphantasien. Aber bei euch habt ihr diese Probleme ja bei jedem Townmeeting. Mr. Schlumberger hat wohl zu viel von seine Sekt getrunken, mit der grumpy Politik die er da macht.

    God bless you und kämpft weiter

  • #3

    Heidrun (Samstag, 10 Mai 2014 13:33)

    Ich wohne in Pattonville und rufe dazu auf: Wählt auf keinen Fall Jasmine Finckh!

    Wer zum Bücherboykott aufruft ist kein Demokratin mehr!

  • #4

    Dr. Angelika Koller (Freitag, 24 April 2015 12:58)

    Wenn man bedenkt, wie viele TATORT-Leichen es in Stuttgart, Berlin oder München schon gegeben hat, fragt man sich, wieso die Remsecker das Buch nicht eher als Werbung für ihre Stadt fördern.
    Aber Scherz beiseite: Dass es heute in Deutschland so eine Zensur gibt, dass ein Autor dermaßen schikaniert wird - da sträuben sich einem die Haare!

  • #5

    erich hermann (Donnerstag, 09 Februar 2017 21:30)

    Auch heute noch, mein lieber Mineralienfreund, Chemicus und vor allem Borchert-Schüler................
    eine Dekade später ,
    eine UNGEHEUERLICHKEIT.

    Im übrigen habe ich (natürlich) vorgestern deiner
    gedacht.

    e.

Was kann ein Comiccast?