Sa

02

Aug

2014

Warum wollen wir Journalisten uns abschaffen lassen?

Wir stehen in einem ausgesprochen spannenden Industrialisierungsprozess in unserer Branche. Da hilft es nichts, die Augen davor zu verschließen und von den guten alten Zeiten zu träumen. Wir müssen uns aktiv an der Gestaltung dieses Prozesses beteiligen. Eine ausschließlich ablehnende Haltung bringt uns da überhaupt nicht weiter. Wer sich dieser Entwicklung einfach verweigert, hat sich aus der Entwicklung ausgeschlossen.

 

Ich warne davor, das Tempo der Entwicklung zu unterschätzen. Wer sich heute noch nicht ausreichend mit Newsdesk-Konzepten beschäftigt hat, der wird sich schwer tun, mit integrierten Produktionsumgebungen zu arbeiten, die so ganz nebenbei in unseren Arbeitsalltag einziehen und mit denen derselbe journalistische Inhalt für unterschiedliche Kanäle aufbereitet wird. Plötzlich hat er es mit Software-Systemen zu tun, die ohne menschliches Zutun Bilanz-Berichte und Sportergebnisse in lesbare Artikelform bringen.

 

Wenn ich dann großes Erstaunen darüber höre, wie über Verwertungsrechte und massive Änderungen am Urheberrecht bereits plötzlich in Tarifverhandlungen gestritten wird, dann bleibt nur eine Analyse: Wir haben in unseren berufspolitischen Strategien offenbar den Paradigmenwechsel im Journalismus verschlafen.

 

Der crossmediale Journalismus hat den Paradigmenwecshel vom Produktdenken zum Kanaldenken schon längst vollzogen. Wenn wir dem staunend hinterherschauen, dann haben wir das Heft aus der Hand gegeben. Die von einigen mit diesem Paradigmenwechsel verbundene Zweiteilung in Geschichten erzählende Edelfedern und Dateien hin und her schiebende Content-Schubser ist eine strukturelle Zweiteilung, über die ich prognostiziere: Die Content-Schubser werden rasch, sehr rasch wegrationalisiert. Das wird mit der zweiten Welle der Industrialisierung journalistischer Arbeit ganz rasch passieren.

 

Die Forderung daraus: Verhindert, dass diese strukturelle Zweiteilung zu einer journalistischen Zweiklasssengesellschaft führt. Das lässt sich durch Redaktionsorganisation, durch Qualifizierung und Fortbildung, durch den Erwerb dramaturgischer und technischer Kompetenzen verhindern. Wenn ich hier mit so manchem Kollegen aus dem Tageszeitungsbereich diskutiere, der das les als Spinnerei eines überdrehten Online-Kollegen abtut, dann bleibt mir buchstäblich die Spucke weg. Dem kann ich nur zurufen: Kollege, Sie haben sich also aus dem Journalismus verabschiedet? Schade!

 

Wenn ich dann höre, wir könnten uns mit Pauschalen gut abfinden, mit denen sämtliche Verwertungsrechte zu einem Discountsatz vergütet werden, dann frage ich mich ernsthaft: Haben diese Kollegen die Entwicklung wirklich nicht mitbekommen? Wenn wir nicht endlich ein für Autoren akzeptables Leistungsschutzrecht realisieren, wenn wir Urheberrechte nicht dauerhaft absichern und effizient schützen, dann lassen wir uns als Urheber und Autoren enteignen. Solche Industrialisierungsprozesse kennen wir aus der Geschichte. Aber müssen wir Journalisten denn alle Irrtümer der Geschichte immer wieder wiederholen, nur weil wir so bedeutedne Publizisten sind, dass wir nicht aus der Geschichte lernen wollen?

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