Mo

22

Jun

2015

Es gilt das gebrochene Wort

Gilt nur noch das gebrochene Wort?

 

Aufklärung unserer Leser gelingt am besten durch Interviews. Nirgendwo hat der Journalist bessere Möglichkeiten, die Wahrheit zu erfahren. Selbst einem durch harte Medientrainings gegangenen Politiker kann man durch geschickte Fragetechnik die eine oder andere Äußerung entlocken, mit der der Leser seine Politik erst einordnen und wirklich bewerten kann. Manchmal verplappern sie sich auch schlicht. Und das ist längst nicht nur auf Politiker beschränkt. Das Interview ist also nicht nur ein Vehikel für Nachrichten, sondern vor allen Dingen eine journalistische Veranstaltung, um die Wahrheit in Erfahrung und ans Licht zu bringen. Und genau dieses hervorragende Mittel lassen sich viel zu viele Journalisten aus der Hand nehmen, indem sie ihre Interviewtexte von Pressesprechern mit vorauseilendem Gehorsam oder in flagranti ertappten Interviewpartnern bis zu Unkenntlichkeit entstellen lassen.

 

Die verängstigten Journalistendarsteller in den Redaktionen berufen sich dabei gern auf eine angebliche Pflicht zur Autorisierung. Die Antwort des solide arbeitenden Journalisten darauf muss lauten: Es diese Pflicht nicht. Sie wird gern vorgeschoben, um die Verantwortung für den eigenen Text abwälzen zu können. Und das ist gerade das Gegenteil von journalistischer Pflichterfüllung. Wir haben die Pflicht, unsere Interviewpartner fair zu behandeln, ihre Persönlichkeitsrechte zu wahren, und wir haben die Pflicht, sorgfältig zu arbeiten. Daraus kann aber keine Verpflichtung zur Autorisierung und Verstümmelung unserer Texte durch Interviewpartner und deren PR-Gehilfen abgeleitet werden.

 

Doch solange hierzulande Kolleginnen und Kollegen in vielen Redaktionen die Wächterfunktion der Medien eher fürchten als sie wahrzunehmen, wird es wohl bei der für die Demokratie schädlichen Autorisierungspraxis bleiben. Nicht wenige Blätter sind immer noch im Status des „Zentralblatts für obrigkeitsstaatliches Denken“. Das ist bequem – mehr aber auch nicht!

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