Mi

30

Mär

2016

Der Anwurf der "Lügenpresse" ist manchmal auch ein Hilferuf

Vorabdruck aus dem Schwerpunkt "Lügenpresse" im "Blickpunkt" - erscheint in 4/2016

Eine ungewöhnliche Gesprächsrunde: Zwei Protestwähler, die bei der Landtagswahl 2016 in Baden-Württemberg AfD gewählt haben und die Medien hart kritisiert, auch ein bisschen beschimpft haben, treffen einen Journalisten. Die Dreierrunde tauscht nicht nur Meinungen und Standpunkte aus, sondern arbeitet sich ein Stück weit an der Parole von der „Lügenpresse“ ab. Eine persönliche Protokollnotiz.

 

 

 

Die Vorurteile und Verletzungen waren auf beiden Seiten gleich stark. Immerhin gab es noch Gesprächsbereitschaft. Fast drei Stunden haben sich zwei Protestwähler, die bei der Landtagswahl 2016 in Baden-Württemberg AfD gewählt haben, mit mir unterhalten.

 

 

Die Verhärtungen, die den Gesprächsauftakt mit dem Vertreter der „Lügenpresse“ bestimmten, machten sich bereits nach einer halben Stunden nicht mehr bemerkbar. Meine beiden Gesprächspartner öffneten sich in einer bemerkenswerten Weise.

 

 

Das war nicht zu erwarten gewesen. Denn als ich um dieses Gespräch bat, waren die beiden voller Argwohn. „Ich will mich nicht von einem geschulten Journalisten vorführen lassen“, lautete der Einwand von Walter, 68 Jahre, Pensionär, davor Sachbearbeiter in der öffentlichen Verwaltung. Walter war einmal Sozialdemokrat, hat die Partei aber aus Protest gegen die Agenda 2010 verlassen.

 

 

Thomas, 32 Jahre, Informatiker, hat ein anderes Problem. Er arbeitet bei einem amerikanischen Konzern und will nicht, dass sein Arbeitgeber von seiner Wahlentscheidung erfährt. Er befürchtet berufliche Nachteile. Thomas bezeichnet sich als überzeugten Wechselwähler.

 

 

Im Schutz der Anonymität öffnen sich die AfD-Sympathisanten

 

Ich sichere beiden völlige Anonymität zu und biete an, dass sie Texte, die ich über unser Gespräch schreibe, vor der Veröffentlichung lesen können. Wenn sie ihre Anonymität dann gefährdet sehen, wird dieser Text so nicht veröffentlicht.

 

 

Und ich erläutere noch einmal mein Motiv, warum mir dieses Gespräch so wichtig ist. Ich argumentiere, dass ich für diesen Beruf brenne, eine Siebentagewoche in Kauf nehme, um Lecks in die Dunkelkammern der Mächtigen zu schlagen, bis zur Erschöpfung arbeite, mich enormen Anfeindungen aussetze, um diesen Journalismus machen zu können, den ich da seit vielen Jahren betreibe. Ich schildere, wie sehr es mich ärgert, ja sogar wütend macht, wenn ich dann als „Lügenjournalist“ diffamiert werde.

 

 

 

„Das betrifft Sie ja nicht direkt“, versucht Thomas abzuwiegeln und sagt: „Teile der Medien sind Lügenpresse, nicht alle Journalisten sind Lügenjournalisten“. Ich widerspreche, zeige Mails von AfD-Mitgliedern und Sympathisanten, in denen ich sehr eindeutig als „Lügenjournalist“ und „linke Zecke“ beschimpft, die Medien, für die ich arbeite, als „Lügenpresse“ diffamiert werden.

 

 

 

 

„Sie können aber nicht leugnen, dass auch Ihre Arbeit dem Tendenzschutz unterliegt“, wendet Walter ein. Ich schildere, dass ich mich auch deshalb noch immer im DJV engagiere, weil ich den Tendenzschutz abschaffen will.

 

 

Meine Berichte, dass Redaktionsleiter, die völlig anderer Meinung waren als ich, dennoch meine Kommentare über den Sender gehen ließen, dass ARD-Hierarchen auf CDU-Ticket Beiträge von mir abgenommen haben, die CDU-Minister durchaus ins Schwitze gebracht haben, lassen meine beiden Gesprächspartner nachdenklich werden. Sie halten das für einen Sonderfall, nehmen mir nicht ab, dass ich erhebliche Binnenpluralität in den Funkhäusern erfahren habe.

 

 

Nicht einmal mit meinen Beiträgen zu den Versäumnissen des Innenministeriums in der Flüchtlingsfrage kann ich überzeugen. „Das Flüchtlingsthema ist doch eher ein Symbol“, meint Thomas.

 

Er empfindet die Diskussion um Migranten, Integration und Grenzschließungen als Symbol für die Arroganz der Macht, die die Regierenden an den Tag legen.

 

 

 

Es sei ein Symbol für die Marginalisierung und sogar völlige Entmachtung des eigentlichen Souveräns. „Aber diese symbolischen Diskussionsbeiträge bringen für die alltägliche Politik nichts“, führt Walter den Gedanken von Thomas fort.

 

 

Ihre Gegenbeispiele kommen dann aus dem kommunalen Bereich. Die S21-Berichterstattung der Stuttgarter Zeitung wird angeführt. Gleich neun Beispiele für einen einseitig verantwortungslosen Journalismus von lokalen Blättern legen sie mir vor.

 

 

Die Beispiele beeindrucken mich. Und ich gestehe zu, dass es Tendenzjournalisten gibt, dass die Gefahr bei lokalen und regionalen Blättern größer ist als in den Funkhäusern. So ganz allmählich kommen wir zum Kern des Problems.

 

Meine beiden Gesprächspartner sind in unterschiedlichen Situationen in den Fokus ihrer jeweiligen Lokalzeitung geraten. Walter ist von einem Ressortleiter Kreis sogar über mehrere Wochen publizistisch regelrecht niedergeknüppelt worden. Er appelliert an meine Solidarität: „Ihnen ist das doch in der Mailaffäre im Remsecker Rathaus und im Pattonviller Finanzskandal ähnlich gegangen“.

 

 

 

Da hat er recht. Aber das war das Fehlverhalten einiger weniger Journalisten, halte ich dagegen. Walter und Thomas sehen das anders. Sie halten solches Fehlverhalten für systembedingt und damit „für von oben gesteuert“.

 

 

Immerhin erkennen sie an, dass es Journalisten gibt, die der Einflussnahme von Politikern widerstehen. „Aber das ist eine verschwindende Minderheit“, begründen sie ihre mir etwas zu pauschale Bewertung journalistischer Arbeit.

 

 

Politiker und Journalisten begegnen ihnen oftmals mit derselben Arroganz der Macht. Daraus leiten sie ab, dass „die da oben ein abgekartetes Spiel spielen“. Das sei nicht ganz von der Hand zu weisen, versuche ich einen Näherungsansatz, aber auch das hänge doch von der persönlichen Integrität einzelner Journalisten ab.

 

 

Dem stimmen sie zu. Zu viele dieses Berufsstandes seien aber korrumpierbar. Dass sie aus Protest eine Partei gewählt haben, deren Spitzenvertreter fordern, den öffentlich-rechtlichen Rundfunk abzuschaffen und deren Mitglieder in vielen Fällen den Ruf von der „Lügenpresse“ weiterhin als Kampfparole erschallen lassen, rechtfertigen sie noch einmal: „Berechtigte Kritik am Oberbürgermeister oder am örtlichen Landtagsabgeordneten wird von den Lokalredakteuren abgemeiert. Da ist ein schmieriger Filz von Journalismus und Politik entstanden. Und den leugnen Journalisten einfach, wollen ihn vertuschen.“

 

 

 

Ich wende ein, dass meine Kollegen und ich da ja sehr viel aufgedeckt haben. Zeige auf, dass sich weder in der Mailaffäre noch in der Finanzaffäre diejenigen durchsetzen konnten, die vertuschen wollten. Hier ist aufgeklärt worden, und diese Aufklärung sei primär eine journalistische Leitung gewesen.

 

 

„Aber diese Aufklärung ist doch von Politikern und Journalisten gemeinsam behindert worden“, entgegnet Walter, der beide kommunalen Dramen über viele Jahre sehr genau beobachtet hat.

 

Mein Einwand: Natürlich gibt es auch unter Journalisten denselben Anteil Krimineller, Feiglinge und korrupter Pantoffelhelden, die in jede ihnen vorgegebene Richtung schreiben. Mit dem Vorwurf der „Lügenpresse“ würden sie aber nicht nur diese willigen Toy Boys treffen, sondern auch die vielen aufrechten Kolleginnen und Kollegen.

 

 

Außerdem sei ich ja ihrer Meinung, dass es von den Aufrechten zu wenige in unserem verrohten Gewerbe gebe. Das reicht den beiden nicht. Und so gehen wir nach mehrstündigem Gespräch auseinander, ohne dass sich die Positionen angenähert hätten.

 

 

Walter und Thomas werden auch künftig am Stammtisch und im privaten Kreis über die „Lügenpresse“ schimpfen. Aber sie empfinden das genauso wie ihre Stimmabgabe für die AfD bei der Landtagswahl als Akt der Notwehr.

 

 

 

 

Sie wollen sich damit gegen massives Fehlverhalten einzelner Journalisten und Politiker wehren und nehmen die Pauschalisierung dabei gern in Kauf. „Wenn man mit dem Rücken an der Wand steht, bleibt keine Zeit mehr für Differenzierung“, hat Thomas während unseres Gesprächs argumentiert.

 

Walter und Thomas haben durchaus Anlass, das System der „Checks and Balances“, das unsere rechtsstaatliche Demokratie ausmacht, als gefährdet anzusehen.

 

Ihre Protestwahl verstehen sie als „Schrei der Hilflosen“, die auf andere Weise auf die Situation und ihre eigene unglaubliche Betroffenheit nicht mehr aufmerksam machen können.

 

 

Immerhin haben wir vereinbart: es wird nicht das letzte Gespräch sein, das wir über „unbelangbare Journalisten und Politiker“ und darüber, dass tatsächlich etwas faul ist im Staate Deutschland, geführt haben. Aber es war vielleicht das erste Gespräch mit der Einladung, durch offene Diskussion etwas zu verändern.

 

Ich bin nach diesem Gespräch jedenfalls nicht mutlos nach Hause gefahren.

 

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Hartmut Koch (Donnerstag, 14 April 2016 16:22)

    AFD als Protest wahl- Zeichen der Hilflosigkeit, da etablierte Parteien an der Macht nicht mehr für ihre und damit die Sache ihrer Wähler eintreten. Auf Dauer wird auch dieser Protest ins System assimiliert werden, bürgerliche Demokratie ist immer System erhaltend

Was kann ein Comiccast?