Mi

29

Jun

2016

Nachdem mein Weltbild von der Wand gefallen war

Seit die Ärzte im Dezember 2015 einen Tumor bei mir festgestellt haben, schreibe ich ein "Tumortagebuch". Ich habe ihm den Titel gegeben "Leben auf Abruf". Ich empfinde das als einen sehr positiven Titel, der mir Lebensmut gibt.

 

Das Tumortagebuch ist auch ein Denktagebuch und hilft mir so, es bringt Klarheit in mein Denken, es zeigt mir im Rückblick, wie ich mit dieser Erkrankung - auch denkerisch - umgehe.

 

Den heutigen Eintrag meines Tumortagebuches veröffentliche ich in meinem Blog, weil die durch Twitter angestoßene Diskussion mir einen spannenden denkerischen Ansatz ermöglicht hat. Damit sich erschließt, wie spannend dieser Ansatz ist, und damit der Eintrag vom heutigen Tage verstehbar wird, füge ich den Eintrag vom 25. Januar (drei Tage nach meiner Tumoroperation) an.

 

Ich freue mich auf Diskussion und Gespräch über diesen Ansatz, und ich danke herzlich denen, die auf meinen Tweet zum "memento mori" reagiert, geantwortet, diskutiert und mir damit so viel gegeben haben. Twitter ist auch ein Medium für das philosophische Denken. Würde Kant noch leben, er würde twittern.

 

 

Zunächst also der heutige Eintrag:

 

29. Juni

 

Seit einiger Zeit schon twittere ich „philosophische Aphorismen“, d.h. ein kurzer philosophischer Gedanke, aber durchaus länger als 140 Zeichen wird auf eine Karte geschrieben und diese im JPG-Format an den Tweet angehängt. Es haben sich auch in der Vergangenheit bereits mehrfach längere Diskussionen über den jeweiligen Aphorismus ergeben.

 

Aber mein Memento-Mori-Aphorismus, in dem ich dazu auffordere jeden Augenblick vom eigenen Tode her zu bewerten, jede Lebenssituation so zu bewerten und nicht nur ritualisiert zu bestimmten wenigen Anlässen des Todes zu gedenken, um ihn ansonsten aus unserem Leben zu verbannen, hat unerwartet gründliche Diskussionen ausgelöst. Einige habe ich per Mail geführt, insgesamt aber auch drei Telefongespräche.

 

Und das war schon ungewöhnlich. Wodurch sich meine Forderung, Lebenssituationen vom Tode her zu bedenken, von Heideggers „Vorlaufen in den Tod“ unterscheidet, haben wir diskutiert. Das Heideggersche Vorlaufen bestimmt Dasein vom Tode her und muss letztlich in der Erfahrung der Angst enden, auch wenn Heidegger das nicht zugibt.

 

Sein Vorlaufen ist ein martialisches und im wesentlichen dem damaligen Zeitgeist geschuldet. Lebenssituationen vom Tode her zu bedenken ist aber gerade kein martialisches Vorlaufen, endet weder in Angst, wie später bei Heidegger, noch in der Revolte, wie bei den Existentialisten, sondern in demütiger Gelassenheit. Endlichkeit in Demut hinzunehmen heißt: ich erkenne an, dass ich mein Leben nicht in der Hand habe, dass ich es nicht verursacht habe. Aber dennoch bin ich für mein Tun und für jeden Augenblick meines Lebens verantwortlich.

 

Diese Verantwortung nehme ich angesichts meiner Endlichkeit wahr und kann sie deshalb gelassen wahrnehmen. Der Skandal des Todes wird zum Bestandteil meines Lebens und verliert dadurch das Skandalöse. Ich willige ein in die Tatsache des Todes, weil ich erkenne, dass die Struktur meines Lebens durch diese Endlichkeit geprägt und bestimmt ist und ich diese Struktur anerkenne und so bewusst in ihr lebe. Das beantwortet keineswegs die Frage: Was darf ich hoffen?

 

 

Insofern ist dieser Ansatz agnostisch. Er lässt ausdrücklich die religiöse Option zu, er setzt aber keinerlei religiöse Entscheidung voraus. Er lässt auch die Ablehnung der religiösen Option zu. Mehr kann eine Analyse der Struktur nicht erbringen, wenn diese in philosophischer Redlichkeit durchgeführt wird.

 

Aber diese Analyse zeigt mir auf, wie dringlich es für mich geworden ist, an Husserls a-theistischem Gotteskonzept weiterzuarbeiten. Allerdings unter veränderten Vorzeichen. Bis mein transzendental-philosophisches Weltbild aus dem Rahmen oder vielleicht sogar völlig von der Wand gefallen ist, wollte ich mit dieser Arbeit die Bedingung der Möglichkeit der Konstitutionsleistung transzendentaler Subjektivität aufzeigen und ihr Zulaufen auf einen Gottesbegriff.

 

Jetzt spreche ich vom Konzept, weil die Struktur auf ein Telos hindeutet, dieses aber nicht mehr in der Struktur aufgezeigt werden kann. Es kann lediglich als denknotwendige Forderung erhoben werden. Und das hat Rückwirkungen auf mein existenzielles Denken. Denn die Untersuchung der Struktur der Forderung ergibt, dass die Forderung begründet ist. Mit einer begründeten Forderung zu leben, bietet keinerlei existenziell bedeutsame Antwort auf die Frage nach der Hofffnung. Aber die bietet eine strukturelle Antwort auf die Frage nach der Berechtigung dieser Hoffnung.

 

Wenn ich meine jetzige Lebenssituation von meinem Tod her denke, rechtfertige ich meine Entscheidung, mich zum Beispiel für ein bestimmtes Ziel, etwa Meinungsfreiheit, einzusetzen, als eine unverbrüchliche Entscheidung für das Leben, die auch im Angesicht des Todes oder vor der Struktur meiner Endlichkeit Bestand hat. Anders heruntergebrochen: Wenn ich mich in diesem Augenblick entscheide, weiterzuleben, und diese Entscheidung treffe ich, wenn ich mich für ein Ziel oder eine Handlung entscheide, dann setze ich Sinn für meine endliche Existenz. Diese Sinnsetzung ist begründbar, aber als und in ihrer Struktur uneinholbar.

 

Diese Sinnsetzung erfolgt als Konstitutionsleistung. Ich setze Sinn im Horizont von Hoffnung, weil ohne die Hoffnungsstruktur diese Sinnsetzung nicht möglich wäre. Das gibt dem Augenblick Bedeutung und Würde. Dass dies so ist, erfahre ich. Und als Lehre aus dieser Erfahrung nehme ich mit, dass ich Sinn setzen kann, und zwar gerade als Sinnsetzung in einer endlichen Struktur. Das stimmt zum einen demütig, weil diese Konstitutionsleistung letztlich nicht mehr von mir begründet werden kann, aber ich kann sie vollziehen. Und es stimmt gelassen, weil diese Sinnsetzung von mir in jeder Erfahrung meiner Endlichkeit vorgenommen werden kann. Diese Sinnsetzung endet mit meinem Leben.

 

Darüber hinaus kann ich keine Aussage treffen. Ich kann Offenbarungsinhalte glauben oder es lassen. Ich kann Hoffnung als Geheimnis interpretieren oder als geoffenbartes Wissen. Alles das hat nichts mit der Sinnsetzung und ihrer Struktur zu tun. Um diese Sinnsetzung mit ihren vermutlich mannigfaltigen Strukturen genauer zu analysieren, kann Husserls Gotteskonzeption weiterhelfen, ohne dass ich irgendeine religiöse Voraussetzung treffe.

 

Die Konstitutionsleistung in ihrer radikalen Endlichkeit wird hier gerade zur Bedingung der Möglichkeit von Sinnsetzung. Aber zuvor muss ich mich für diese Sinnsetzung mitsamt ihrer jeweiligen materialen Ausgestaltung entschieden haben. Diese Entscheidung ist eine ohne Hoffnung, eine hoffnungslose, weil sie die Frage nach der Hoffnung ausklammert.

 

Neben das Denken tritt die Meditation, aber beides muss voneinander geschieden sein. Ich nehme die Tumorerkrankung als äußeren Anlass, um über die Struktur erst zu meditieren, danach diese Meditation in Denken aufzulösen. Meditation, um existenzielles Denken vorzubereiten, das ist lebensnotwendig. Ich nehme diese Lehre aus dem Zerscheppern am 25. Januar dankbar an. So allmählich beginne ich denken zu können, was am 25. Januar passiert ist: Eine im Gewohnten liegende Denkstruktur ist zerbrochen. Aber das Ergebnis war nicht Erstaunen, sondern Erschrecken. Dieses Erschrecken arbeite ich noch immer auf. Und dieses Erschrecken weist auf keine Erste Philosophie, und es weist auf keine transzendentale Methodik.

 

Es wirft mich auf mein Existieren und die Entscheidung für diese Existenz zurück. Insofern gilt: Im Anfang war die Entscheidung. Diese Entscheidung aber lässt sich nicht mehr analytisch einholen. Sie lässt sich nur meditativ ergründen. Ich beginne zu erahnen, wie tiefgreifend die sogenannte Rush Hour des Lebens mein Denken eingeschränkt hat. Insofern kann ich die Tumorerkrankung als Chance begreifen. Denn natürlich war es die Krankheit als äußerer Anlass, die mein transzendental-philosophisches Weltbild in seiner Gewohnheit und Gewöhnlichkeit hat zerscheppern lassen. Ich lerne insofern, auf das Scheppern zu hören – als Ausgangsunkt einer Meditation.

 

Der Eintrag vom 25. Januar als hermeneutische Brücke:

 

 

25. Januar

 

Am Nachmittag ist mein transzendental-philosophisches Weltbild aus dem Rahmen gefallen. Und es hat richtig laut gescheppert. Es hatte ja schon länger gewackelt, es hing sogar ein bisschen schief. Aber dass es aus dem Rahmen fällt, hatte ich einfach nicht erwartet. Ich bin von dieser Erfahrung noch richtig benommen. Am Tag 3 nach der Tumoroperation sollte ich eigentlich guter Dinge sein. Wir warten zwar noch das histologische Ergebnis ab, aber der Operateur ist sich ziemlich sicher, dass er alle Tumorzellen entfernt hat.

 

Ich kam ins Denken darüber, was das für mich bedeutet und geriet in tiefe Ratlosigkeit. Wenn alle Tumorzellen entfernt sind, ist das natürlich großartig, aber es beantwortet eine Frage, eine dringende Frage überhaupt nicht: Wie kann ich ein Leben angesichts von Endlichkeit und Tod leben? Mit dem Denken ist es nicht getan, es geht ums Leben.

 

 

Da waren wunderbare teleologische Gedanken, wie sie Husserl angestellt hat, wie ich sie im Nachspüren der Gotteskonzeption bei ihm kennenlernen durfte. Doch solch ein Telos – durchaus wohlbegründet – bleibt ein theoretisches Konstrukt. Ich kann damit leben, aber nicht auf ein solches Telos hin. Einseitig aufs Denken – nicht nur auf Rationales – liege ich jetzt hier und merke, spüre, denke: Solch ein Telos kann ich denken, aber nicht leben. Ich hatte das ja schon befürchtet. Jetzt ist es Gewissheit. Transzendentale Subjektivität denken zu können, hilft nicht weiter, wenn Dir gerade ein Tumor entfernt wurde. Den Anspruch hatte ich aber. Dafür habe ich bisher gelebt und gedacht. Denken und Leben war bis zu dieser Tumorerkrankung eines und ging ineins. Und das sollte wieder so werden. Das aber geht nicht mehr. Es kommt nicht zusammen.

 

 

 

Natürlich der kategorische Imperativ ist brauchbar, wenn es um die Frage geht: Was soll ich tun? Was darf ich tun? Aber hier geht es um die Frage: Was darf ich hoffen? Und die Antwort auf diese Frage kann nicht transzendental-philosophisch abgeleitet werden. Falsche Antworten auf diese Frage können mit den Methoden transzendentallogischer und reduktiver Ansätze als falsche Antworten erkannt werden. Aber erkannt werden kann dabei nur ihre Falschheit. Richtige Antworten können so nicht hergeleitet werden. Sie bleiben Gegenstand es Glaubens. Und da dachte ich bisher, dass auch diese Antworten sauber hergeleitet werden können. Sie bleiben aber unverfügbar – zumindest für den transzendental-phänomenologischen Ansatz.

 

Ich muss die Frage klären, ob sie nicht letztlich für mein Denken unverfügbar bleiben. Dann wäre es nicht nur eine Frage der Methode, sondern es würde das Denken an sich betreffen. Am heutigen Nachmittag blieb die Antwort auf die Frage, was darf ich hoffen, unverfügbar für mein Denken. Das hat mich erschüttert – im Denken und am Körper.

 

 

 

 

 

 

 

 

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