Mi

21

Dez

2016

Der Fall Magister und die Folgen

Ich habe am Dienstag im Deutschlandfunk über den Streit um die Tätigkeit eines AfD-Funktionärs im Schiedsgericht von Wikipedia berichtet. Im Kern geht es um die Einflussnahme von Rechtspopulisten auf die inhaltliche Ausrichtung von Wikipedia-Artikeln und um den Kampf um die „Lufthoheit“ über das kollektive Gedächtnis einer Online-Enzyklopädie namens Wikipedia.

 

Ich habe mit vielen Wikipedianern Gespräche geführt, habe zahlreiche Online-Diskussionen dazu verfolgt, viele Artikel auf Einflussnahmen durchgeschaut, unzählige Textanalysen vorgenommen. Ich habe das gemacht, was Journalisten tun, wenn sie einen Hinweis auf eine spannende Geschichte erhalten: ich habe recherchiert.

 

Nach der DLF-Schalte war der Teufel los – Anrufe und Mail ohne Ende. Dass sich meine „Freunde“ aus dem rechten Lager melden, um mir die üblichen Konsequenzen anzudrohen, war erwartbar. Das hat mich auch nicht weiter aufgeregt. Auch dass einige Wikipedianer ihre Arbeit durch eine solche Berichterstattung in Frage gestellt sehen und entsprechend aufgeregt bis säuerlich reagieren, ist in Ordnung. Damit muss man als Journalist umgehen können.

 

Aber mich haben auch Kollegen angerufen, wenige nur. Und von den wenigen haben mir drei Kollegen den „guten Rat“ gegeben, ich solle mich mit solchen Beiträgen besser zurückhalten. Ich würde mich für bestimmte politische Kräfte angreifbar machen. Man müsse davon ausgehen, dass nach der Bundestagswahl 2017 Rechtspopulisten auch als Abgeordnete im Deutschen Bundestag sitzen würden.

 

Und der persönliche Hinweis lautete: Rechtspopulisten werden über kurz oder lang auch Mitglieder eines Rundfunkrates sein. Und was meinst Du, lieber Peter Welchering, was dann wohl mit Dir passiert? Du wirst als Radiojournalist nicht mehr stattfinden. Deine unliebsamen Beiträge werden nicht mehr gesendet.

 

Von Politikern habe ich solche „Hinweise“ – oder sagen wir besser: Drohungen – verschiedentlich schon bekommen, beileibe nicht nur von rechtsaußen Tätigen. Sogar ein ehemaliger Gewerkschaftschef hat mir mal damit gedroht, dass er mich vom Sender „entfernen lassen“ werde, weil ihm einer meiner Beiträge nicht gefallen hat. Da wird viel Druck aufgebaut, um Journalisten gefügig zu machen. Journalismus ist eben eine gefahrengeneigte Tätigkeit.

 

Aber wenn mir jetzt schon Kollegen sagen: Berichte unkritisch, alles andere kann üble Konsequenzen haben! Dann frage ich mich: Kollegen, habt ihr vergessen, welchen Auftrag wir Journalisten in dieser Gesellschaft haben?

 

Das darf doch wohl nicht wahr sein. Hier wird nichts weniger gefordert als die Preisgabe der Wächterfunktion – und das von Journalisten. Ich bin echt erschüttert.

 

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Kommentare: 5
  • #1

    Arne Babenhauserheide (Samstag, 24 Dezember 2016 15:05)

    Dieses Lied ist für Gustav auch…

    …was da so klein scheint und normal, das ist radikal.

    (aber nicht extremistisch)

    Bitte bleib kritisch! Danke, und trotz des Stresses wunderschöne Festtage!

  • #2

    Lotte Ramke (Sonntag, 25 Dezember 2016 06:39)

    So wird seit eh und je die Schere im Kopf installiert: Die Inquisition zeigt die Instrumente und kluge Köpfe verkünden, dass die Erde eine Scheibe ist.

  • #3

    Gerlinde Raab (Samstag, 07 Januar 2017 02:44)

    Lasse Dich nicht entmutigen.
    To effectively fight for what is right, you have to first say what is right and why. (aus einem Artikel von Geroge Lakoff)
    Dafür brauchen wir Menschen wie dich.

  • #4

    David (Montag, 09 Januar 2017 08:00)

    Sie schreiben: "Dass sich meine „Freunde“ aus dem rechten Lager melden, um mir die üblichen Konsequenzen anzudrohen,.."

    Meine Frage: Was sind die "üblichen Konsequenzen"?
    Und: Haben Sie sich nicht verschrieben und wollten "Freunde aus dem LINKEN Lager" schreiben? Denn die - man liest es täglich - sparen ja nicht mit Bedrohungen, Zerstörungen und ggf. mehr, wenn sie nur einen sog. "Rechten" oder gar ein AfD-Mitglied wittern.

    Ansonsten lese ich bei Ihnen das, was ich von einem Journalisten erwarte, nämlich im Kern etwas von der Pflicht zur Wahrhaftigkeit eines Journalisten. Das tut gut zu lesen, es das doch heute eine ganz seltene Eigenschaft geworden. Bleiben Sie so!

  • #5

    David (Sonntag, 22 Januar 2017 08:25)

    Meine Frage nach den "üblichen Konsequenzen" wurde leider nicht beantwortet.
    Offensichtlich gibt es sie dann doch nicht.
    Genauso wie die Linken gar nicht auf dem Schirm sind.
    Schade.

Was kann ein Comiccast?