Betonbratzen, Bordellbesitzer und Bürgermeisterversagen

Stuttgart, die Stadt, in der ich arbeite, war mal eine liebenswerte Stadt. Als wir 1993 aus beruflichen Gründen ins Ländle kamen, haben wir Stuttgart liebgewonnen. Die Stadt war überschaubar, hatte eine aufgeräumt-heitere Spießigkeit mit großer Toleranz. In das Landeshauptstadt-Schwäbisch verguckte ich mich sogar ein bisschen. Denn es hat so einen liebenswürdigen Klang.

 

 

 

Der bodenständige schwäbische Realismus sorgte damals für einen Ausgleich der Interessen. Im Alltag war der pietistische eschatologische Vorbehalt dafür verantwortlich, dass soziale Spannungen, die es nun mal auf Erden gibt, möglichst aufgefangen werden – allein schon um der angesparten Anteile am Himmelreich wegen, in dem es nach landeshauptstädtisch-schwäbischem Katechismus zugehen muss wie in einem wohl gepflegten Mehrparteienhaus in guter Wohnlage – Kehrwoche inklusive, aber eben auch das Vierteleschlozzen mit dem Nachbarn.

 

 

 

Ja, das war einmal. Denn aber kamen Landesväter wie Günther Oettinger und Stefan Mappus und kreuzten Vorstadt-Yuppies mit verkrachten Vitalienbrüdern aus der Finanzbranche. Die so entstandene neue Spezies des homo politicus stuttgardiensis richtete in Rathaus und Villa Reitzenstein Fürchterliches an. Ihr ganzes Sehnen galt der Maximierung der persönlichen Rendite, und zwar in Macht und Geld.

 

 

 

Die jeweiligen Lebensabschnittsgefährtinnen und sonstige Begünstigte wurden rasch profitmaximierend in Immobiliengesellschaften untergebracht. Dort konnten sie an der Vermarktung des Gleisvorfeldes im Stuttgarter Bahnhofsbereich oder an den zahlreichen Modernisierungs- und Bauvorhaben der Initiative „Stuttgart wird normalverdienerfrei“ mitwirken und vor allen Dingen kräftig absahnen.

 

Auch nach der Landtagswahl 2011 änderte sich an den Verhältnissen wenig. Die als Juniorpartner in die Landesregierung eingetretenen Vorwärts-Patrioten der SPD, die seit dem Scheitern von Erhard Epplers Vision des Pietcong keine politische Konzeption mehr hatten, konnten dem paläo-konservativem Stil der Grünen nichts entgegen setzen. Und nachdem eine ihrer Leitfiguren noch einen veritablen Skandal wegen Steuerhinterziehung an der Backe hatte, fügten sich auch die schwäbischen Spezialdemokraten in den in der Landeshauptstadt nicht erst seit Fritze Kuhns Wahl zum Oberbürgermeister im Oktober 2012 obwaltenden grün-schwarzen Polit-Filz.

 

 

 

Auch nachdem Simulationen in einem Zürcher Ingenieursbüro die Sinnlosigkeit des S21-Vorhabens ergeben hatten, nachdem Simulationen in der Cave das Aus der Frischluftversorgung des Talkessels durch Hochhäuser im Gleisvorfeld belegt hatte, wurde an den entsprechenden Bauvorhaben weiterhin festgehalten. Das war übrigens kein angewandter Dilettantismus, das war Gier nach Macht und Geld. Dass solche Gier als Motiv prä-intellektuellen Handelns stets zu bösen Resultaten führt, ist seit biblischen Zeiten bekannt.

 

 

 

Stuttgart ist zur Stadt der Baustellen-Brachen verkommen. Wo die Diesel-Aggregate zur Versorgung der Chaos-Baustellen im Stadtgebiet fette schwarze Schwaden in die Luft jagen und die Hydraulikmeißel der Bagger die Trommelfelle der Stuttgarter infernalisch quälen, bilden dann vom Baubürgermeister, Ordnungsbürgermeister, Finanzbürgermeister und Oberbürgermeister beauftragte und hoch alimentierte Experten Stuhlkreise, um mit den Bürgern über Feinstaub, kommende Bürgerbeteiligung und lebenswerte Stadtquartiere zu diskutieren.

 

 

 

Allein, die Bürger haben genug davon. Ihnen reicht es in vielen Fällen nicht einmal mehr aus, auf Anti-S21-Demos an den Montagen zu zeigen, was sie von diesem neuen Politstil des homo politicus stuttgardiensis halten: nämlich nichts. Nein, sie gehen noch einen Schritt weiter und ziehen fort aus Stuttgart.

 

 

 

Derweil diskutieren die Schwarzen, ob Bordellbesitzer nicht doch gute Schatzmeister im Sinnen christdemokratischer Geldbeschaffung und Weltanschauung sein können. Der grüne Baubürgermeister lässt weitere Hochhäuser für Stuttgarts (ehemalige) Frischluftschneise planen und will auf keinen Fall Bauinvestoren durch Verwaltungshandeln verschrecken. Immerhin bringe die nicht nur dynamisch-laute Bautätigkeit in Stadt, sondern auch hochdotierte Aufsichtsrats-, Beirats- und Verwaltungsratsmandate in die Stadt. Mithin also eine lukrative Anschlussverwendung oder ein hübsches Zubrot für verdiente Kommunalpolitiker der Spezies homo politicus stuttgardiensis.

 

 

 

Stuttgart, was ist aus Dir geworden? Dahin sind die Zeiten klugen schwäbischen Schaffertums. Abgelöst durch bodenlosen Dilettantismus. Dahin sind die Zeiten vermittelnder Interessenpolitik. Abgelöst vom gierigen Raffen. Dahin sind die Zeiten überlegter Stadtentwicklung mit Parks und grünen Lungen. Abgelöst von der wirrtuellen Realität anpolitisierter Hinterzimmerbürokraten.

 

 

 

Ach Stuttgart, Du Baustellenbrache zwischen begradigtem Neckar und kanalisiertem Nesenbach, es ist so schade um Dich!

 

 

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Oliver (Freitag, 17 November 2017 17:51)

    <Polemik>Ein FDP-Mann beklagt die verderblichen Folgen des Strebens nach Maximierung der persönlichen Rendite und der Gier nach Macht und Geld? Wäre ich religiöser, würde ich jeden Moment mit dem Erschallen der Posaune zum Jüngsten Tag rechnen, so frage ich mich ganz diesseitig, ob eine Peripetie in der Luft liegt.</Polemik>

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