Flug MH17 und der Streit um Bellingcat

Heute ist in verschiedenen Medien über neue Erkenntnisse diskutiert worden, die die internationale Ermittlergruppe vorgelegt hat, die den Abschuss des Fluges MH17 über der Ostukraine untersucht hat und weiterhin untersucht.

 

Ich nehme diese Diskussion zum Anlass, hier noch einmal einen Auszug aus meinem Text "Online-Journalismus, Blogs, Facebook: Zwischen Aufklärung und Propaganda-Krieg" aus dem nebenstehend abgebildeten Sammelband zu posten. Der Text stammt aus dem Herbst des Jahres 2015. Die Situation in Sachen "digitaler Forensik und Journalismus" hat sich seitdem leider nicht wesentlich gebessert.

Bildauswerter der britischen Investigativ-Plattform Bellingcat haben zwei Satellitenfotos untersucht, die das russische Verteidigungsministerium auf einer Pressekonferenz am 21. Juli 2014 vorgelegt hat. Das „Bild 5“ genannte Foto in einer hochauflösenden und einer normalen Fassung sollte belegen, dass zwei ukrainische BUK-Raketenwerfer südlich des Dorfes Zaroschenskoje in Schussposition zum abgeschossenen Malaysia-Airlines-Flug MH17 gestanden haben.

 

 

 

Das andere „Bild 4“ genannte Foto sollte als Beweis dienen, dass in der ukrainischen Raketenwerfereinheit A-1428 nördlich von Donetsk ein BUK-Raketenwerfer fehlte. Die Erkenntnisse der Bildforensiker: Beide Bilder sind vor dem 17. Juli 2014 aufgenommen worden. Die Bilder sind mit Photoshop nachträglich verändert worden, sind also manipuliert worden.

 

 

 

Bellingcat hat also bei zwei Fotos Manipulationen festgestellt. Spiegel Online hat dazu gleich am darauffolgenden Montag, also am 1. Juni 2015, darüber berichtet und von gefälschten Satellitenfotos geschrieben. Das haben alle führenden Medien aufgegriffen und von der Tagesschau bis zur Zeit darüber berichtet.

 

 

 

Zwei Tage nach diesen Berichten hagelte es Kritik, vor allen Dingen an den Öffentlich-Rechtlichen, sie seien auf „Kaffeesatzleserei“ von Bellingcat hereingefallen. Danach wurde über die Bellingcat-Analye heftig und kontrovers diskutiert.

 

 

 

Diese Diskussion offenbarte vor allen Dingen eines: Das völlige Unwissen zahlreicher Journalisten über die forensische Arbeit mit Bildmaterial. Und es ergab sich: Die meisten Journalisten äußerten im Rahmen dieses teilweise heftig ausgetragenen Streits, dass sie nicht einmal willens sind, sich Grundlagen forensischer Quellenanalyse anzueignen.

 

 

 

Die Kritik an Bellingcat wiederum traf und trifft einen Punkt, an dem noch gearbeitet werden muss, nämlich die Analyse der Dateiblöcke. Daran hätte Bellingcat weiterarbeiten müssen, um zu einer validen Aussage hinsichtlich der Täuschungsabsicht des russischen Verteidigngsministeriums zu gelangen.

 

 

 

Die Kritik ist in anderen Punkten maßlos überzogen und falsch. Und auch die Kritik an den Öffentlich-Rechtlichen, die über die Bellingcat-Analyse berichtet haben, geht zumindest am Kernpunkt der Berichterstattung vorbei. Und dieser Kernpunkt ist: Mit den vom russischen Verteidigungsministerium vorgelegten Bildern kann nicht bewiesen werden, dass ukrainische Raketenwerfer den Flug MH17 am 17. Juli 2014 abgeschossen haben.

 

 

 

Die unrühmliche Rolle von Spiegel Online

 

 

 

Zur Kritik an der Berichterstattung führte nämlich ein Interview, dass Spiegel Online am 3. Juni 2015 mit Jens Kriese, Biologe und Inhaber eines Büros für Bildforensik in Hamburg, geführt hat. In dem Interview sagt Kriese, eine Methode, die Bellingcat angewandt habe, Fehlerratenanalyse genannt, sei eine Hobbymethode, aus der man nichts ableiten kann.

 

 

 

Außerdem äußerte sich Jens Krise wie folgt: “Die Metadaten zeigen, dass die Bilder mit Photoshop bearbeitet wurden. Daraus folge, dass es wohl die Wolken waren, die eingefügt wurden, um etwas zu verschleiern“. Diese naive Schlussfolgerung hat allerdings Bellingcat nie gezogen, und auch die Öffentlich-Rechtlichen haben diese naive Schlussfolgerugn nicht gezogen. Drittens wurde Bellingcat vorgeworfen, dass sie nicht belegen könnten, dass die Bilder des russischen Verteidigungsministeriums bereits vor dem 17. Juli 2014 aufgenommen worden sein.

 

 

 

Bei Spiegel Online war man der Meinung, die Bellingcat-Analyse habe Fehler. Deshalb hat Spiegel Online seine Berichte relativiert. Das haben die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten mit ihren Berichten nicht getan. Und weder diese Berichte geben einen Anlass dafür noch die Bellingcat-Analyse insgesamt.

 

 

 

Die Debatte ist auch entstanden, weil die Redakteure von Spiegel Online nicht in der Lage waren, die Bellingcat-Analyse einzuschätzen. Die Bellingcat-Forensiker haben sich zunächst die Metadaten angeschaut. Das sollte auch zum grundlegenden Repertoire in jeder Redaktion zählen. Mit der Prüfung der Metadaten der Bilddatei wurde ermittelt, dass ein Bild verkleinert, nämlich mit 600 mal 900 Pixeln abgespeichert wurde und dass es komprimiert wurde.

 

 

 

Außerdem sind beide Bilder mit der Bildbearbeitungssoftware Photoshop aus der Creative Suite 5 bearbeitet worden. Damit lässt sich in der Tat nur nachweisen, dass die Bilder nachträglich bearbeitet wurden, also Manipulationen möglich sind. Nur wenn es sich um Kamera-Originaldateien mit allen Metadaten handelt, kann von einem authentischen Bild ausgegangen werden.

 

 

 

Journalisten brauchen dringend Nachhilfe in digitaler Forensik

 

 

 

 

Weit über 200 Metadaten, aber auch weitere forensische Analysen liefert die Prüf-Plattform www.fotoforensics.com, auf die fragliche Bilder hochgeladen werden können. Die Ergebnisse stehen zumeist nach fünf bis zehn Minuten bereit und liefern zumindest Anhaltspunkte, ob weitere forensische Analysen sinnvoll oder sogar erforderlich sind. Die können dann von ausgebildeten Bildforensikern in Spezialagenturen gemacht werden.

 

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