Sechs Wochen als Gehbehinderter - oder: Von der Zerrissenheit der Gesellschaft

Anfang August habe ich mir den Knöchel gebrochen. Fortan war ich mit einem Vacoped genannten „Astronautenstiefel“ und zwei Gehstöcken unterwegs. Die dabei gesammelten Erfahrungen sind ausgesprochen zwiespältig. Ich habe noch einmal hautnah erfahren, wie gespalten diese Gesellschaft ist. Und barrierearm ist sie auch keineswegs. Wir sollten das ändern.

 

 

Eines vorweg: Ich hatte eine kompetente ärztliche Betreuung. Am zweiten Tag nach dem Unfall war ich schon wieder im Hörfunkstudio und konnte weiterarbeiten – ärztlichem und physiotherapeutischem Rat und ihrer Hilfe sei Dank.

 

 

Kommen wir zur zwiegespaltenen Situation. Einerseits: Viele Menschen haben mir geholfen. Als ich in Stuttgart den Unfall hatte, der zur Knöchelfraktur führte, waren gleich drei Ersthelfer vor Ort, die sich kümmerten und mir halfen. Menschen halten mir die Tür auf, wenn sie mich mit meinen Gehstöcken durch die Gegend hüpfen sehen. Menschen auf der Straße fragen, ob sie mir etwas abnehmen, mir helfen können. Das macht Mut.

 

 

Andererseits: Einige Zeitgenossen rempelten mich auf U-Bahn-Stationen und in Einkaufszentren ganz offensichtlich an und reagierten auf Protest mit: „Pass doch besser auf, Du Spast“. Im Supermarkt habe ich es nach dem vierten Versuch aufgegeben, darauf hinzuweisen, dass das Wegschlagen der Gehstöcke hochgradig unsportlich ist.

 

 

Beim Aussteigen aus der S-Bahn im Bahnhof Ludwigsburg ist ein Abstand von ca. 25 Zentimetern zwischen Zugausstieg und Bahnsteigkante zu überwinden. Für jeden, der an Gehstöcken läuft, ist diese völlige Fehlplanung der Deutschen Bahn eine ziemlich herausfordernde Sache. Als ich mich da mit meinen Gehstöcken so langsam abseilte, war ein hinter mir stehender Fahrgast wenig erbaut von dem dafür benötigten Zeitbedarf. „Halt hier nicht den Betrieb auf, Du Behinderter“, raunzte er.

 

 

Auf einem anderen Stern wähnte ich mich, als ein Mitreisender im Regionalexpress mich, der ich auf einem der letzten freien Sitze Platz genommen hatte, aufforderte: Mach mal Platz fürs arbeitende deutsche Volk, Krüppel.“

 

 

Wenn an den von mir frequentierten U-Bahn-Stationen mal wieder der Aufzug ausgefallen war, was in Stuttgart wirklich ziemlich oft vorkommt, und ich mich die Treppen Stufe für Stufe, den gebrochenen Knöchel immer hübsch mit den Gehstöcken synchron hochhebend, hinaufquälte, gabs schon mal einen kleinen Rempler, gefolgt von „Spast“ oder „Krücken-Assi“. Immerhin vier Mal in sechs Wochen.

 

 

Auf der einen Seite also sehr hilfsbereite Menschen, ohne deren Hilfe und Eingreifen, ich den Ausstieg aus der S-Bahn an Stationen mit Hochbarrieren wie Kornwestheim oder Ludwigsburg so manches Mal nicht geschafft hätte. Auf der anderen Seite Typen, die meinen, Menschen mit Gehhilfe beleidigen zu müssen. Und ich glaube, die meisten von denen kannten mich gar nicht. Ihr Verhalten war also keine Kritik an meinem journalistischen Job. Nein, die pöbelten einfach einen offensichtlich „mit Krücken“ Laufenden an. Bei dem kann man die Sau rauslassen.

 

 

Eine nicht gerade einfache Zeit. Hinzu kommt noch, dass man als Gehbehinderter S-Bahnen, U-Bahnen, Busse etc.  nur hochgradig eingeschränkt nutzen kann. Ich habe gelernt: Stuttgart ist die Hochburg der Barrieren und eben gerade nicht behindertenfreundlich.

 

Das eine oder andere Mal habe ich mir echt überlegt, was ich wohl machen würde, wenn ich über längere Zeit auf einen Rollstuhl angewiesen wäre. In Stuttgart wäre ich dann aufgeschmissen. Ich habe dem Stuttgarter Oberbürgermeister Fritz Kuhn gemailt, dass es doch wohl an der Zeit wäre, das mal zu ändern. Doch der ist Grüner und hat keine Zeit, solche Mails zu beantworten.

 

 

Jetzt trage ich eine Orthese, komme mit Treppen wieder einigermaßen zurecht und kann mich auch aus der S-Bahn an den Haltepunkten Kornwestheim und Ludwigsburg wieder aus dem Zug trauen, finde diese Stationen aber nach wie vor eine Zumutung.

 

 

Sechs Wochen als Gehbehinderter in Deutschland zeigen mir: Das gesellschaftliche Klima hat sich verändert. Wenn Menschen schon auf Gehbehinderte so schräg reagieren, ist das ein Alarmzeichen. Ich bin mir nicht sicher, ob wir das gesellschaftlich aufgearbeitet kriegen.

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Ulan (Sonntag, 23 September 2018 18:37)

    Meine Behinderung, seit ich als Radler vorige Woche Opfer eines unaufmerksamen Autofahrers wurde, ist weit geringer und doch kann ich das nachfühlen. Ich habe meinen linken Arm in einer Schlinge wegen abgerissener Schultergelenkbänder und drei gebrochenen Rippen. In Straßenbahnen und Bussen muss ich *sitzen* sobald und solange das Fahrzeug sich bewegt, Stehen und Festhalten geht nicht. Doch trotz der offensichtlichen Beeinträchtigung scheinen Fahrpersonal und andere Fahrgäste die Notwendigkeit von Rücksicht nicht zu begreifen - die meist nur Sekundenbruchteile kosten würde.
    Und dass ein sonst harmloser Rempler an die Schulter oder in die Seite mir irre Schmerzen bereiten könnte, interessiert die in ihrer Eile rücksichtslosen Passanten oder gar Radelnde und Skateboardende nicht (auch in Fußgängerbereichen oder shared spaces). Das "Bleib halt Zuhause!" ist auf dem Weg zum Orthopäden halt keine Option.

    "Miteinander" hat als gesellschaftlicher Wert nicht etwa ausgedient, schlimmer: das wurde als Privileg umdefiniert. Für ein Miteinander muss man zur Peergroup gehören. Ist man anders, weil in anderem Alter, mit falscher Haut oder Haaren, in falscher Kleidung oder anders sprechend, oder mit körperlich oder geistig eingeschränkter Leistungsfähigkeit, dann hat man das nicht "verdient". Und solange man das nicht als Veteranenuniform zu Schau trägt, gelten auch mal erworbene Leistungen nicht mehr.

    Das ist auch politisch gewollt: 30 Jahre Berufstätigkeit helfen bei Arbeitslosigkeit nach kurzer Gnadenfrist nichts mehr - egal wie eigenständig erbracht und wie verdienstvoll an der Gemeinschaft deine Vergangenheit: Du wirst wirtschaftlich und manchmal gar gesellschaftlich entmündigt und entrechtet und was du an sozialen Leistungen bekommst wird dir nur mit tiefstem Misstrauen groschenweise zugestanden. Von Menschen als Sachbearbeitende, die genau wissen, dass ihnen bei Ende des Zeitvertrags gerade das gleiche droht. Oder von Beamten, die für auffällige Unmenschlichkeit eher belohnt als getadelt werden.

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